Flecken Zechlin, Dorf Zechlin und Zechlinerhütte. Gleich
dreimal Zechlin. Wen wundert es, dass manche Urlauber ihre Hebe
Not haben, sich zurechtzufinden? Diese drei Gemeinden im Norden
des Landes Brandenburg sind zwar räumlich getrennt, haben aber
historisch betrachtet, eine enge Beziehung zueinander.
Welcher Ort war zuerst da? Die klassische Frage ist leicht beantwortet.
Ohne Flecken Zechlin gäbe es wahrscheinlich kein Zechlinerhütte,
dessen Geschichte erst vor 265 Jahren am Ufer des Schlabornsees
begann. Von slawischen Siedlungen und Wüstungen einmal abgesehen,
lebten in der Flachen Heide bis dahin kaum Menschen.
Hennert schreibt 1778: »Der Ort, wo diese weiße Glashütte
jetzt stehet, war ehedem waldigt und unbewohnt...« Die Entstehung
von Zechlinerhütte oder Weiße Glashütte, wie das
Dorf früher hieß, ist demzufolge untrennbar mit der preußischen
Wirtschaftsgeschichte verknüpft.
König Friedrich Wilhelm L, bekannt als Soldatenkönig,
erließ am 7. April 1734 folgenden Befehl an die Kurmärkische
Kammer: »Weil das Holz in der Kurmark nützlicher zu Gelde
gemacht werden kann, so sollen alle Teerofens, Pottaschebrennereien
und Glashütten nach der Neumark (jenseits der Oder) verleget
werden: desgleichen soll die Kurmärkische Kammer überlegen,
ob nicht die Potsdamer Glashütte, weil sie so viel Holz konsumieret
nach der Neumark, etwa nach Carzig verleget werden können,
auch Vorschläge zu tun, wie mehrcres Glas und für einen
wohlfeileren Preis verfertigt werden könne.«
Die Kurmärkische Kammer reagierte umgehend und schlug vor,
Pottasche-siederei und Glashütte im Zechlinschen Revier anzusiedeln.
Diese Wahl erfolgte nicht zufällig, denn im Gegensatz zu vielen
anderen Gegenden verfügten die hiesigen Wälder noch über
einen ausreichend großen Holzvorrat. Im Mai 1735 meldete sich
der Glasmacher David Heinrich Zahn und bot an, im Zechlinschen Kutschen-
und Fensterglas zu fertigen. Der dortige Amtmann Siegfried Stropp
wollte die Baukosten in Höhe von 10 200 Talern übernehmen.
Durch Kabinettsorder vom 7. Dezember 1735 sprach sich der König
allerdings gegen den Bau einer Glashütte aus und begründete
dies mit der besseren Nutzbarkeit des Holzes an dieser Stelle. Er
wollte es hier günstiger und mit Vorteil versilbert wissen.
Dennoch befürwortete die Kammer am 15. April 1736 das von Zahn
und Stropp unterbreitete Angebot. Am 1. Juni 1736 genehmigte der
Monarch schließlich den Bau einer Kutschen- und Tafelglashütte
zu Zechlin, lehnte aber zugleich einen Baukostenzuschuss kategorisch
ab. Er sei nicht gewillt, »Geld auf dergleichen Ungewisse
Sachen zu verspillern.« Drei Bewerber meldeten sich für
die Zechliner Hütte. Der Berliner Glasschleifer- und händler
Johann Moritz Trümper, der Potsdamer Krieger und der Zechliner
Amtmann Stropp. An der am 19. September vorgelegten Order
an die Kurmärkische Kammer, worin der Abschluss eines Vertrages
mit Krieger befohlen wird, hatte Friedrich Wilhelm 1. so einiges
auszusetzen. Seiner Meinung nach sei »Kräger« ein
Schelm und Cellin liege an der Oder; da kann man das Holz besser
verkaufen.
Nachdem die Verwechslung mit Cellin ausgeräumt ist, befiehlt
der König am 26. September 1736: »nach Zechlin, aber
Kräger soll mit dem Amte nichts zu tun haben.« Am Heiligabend
des Jahres 1736 wird der Vertrag mit Amtmann Stropp mit Datum vom
8. Oktober 1736 abgeschlossen.
Wesentlich sind folgende Punkte:
- Die neue Hütte soll für Feinkristall- und Kreiden als
gemeine Gläser von
allerlei Sorten, wie auch insbesondere zu Kutschen- und Fenstertafeln
auf böhmische Art eingerichtet werden und zwar nach des Glasmachers
Zahn Probe.
- Der Amtmann Siegfried Stropp errichtet sie auf eigene Kosten nebst
allen Nebengebäuden und Wohnungen.
- Bis Trinitatis 1737 muss alles fertig sein.
- Die Pachtzeit ist auf 12 Jahre festgesetzt.
- Das Holz wird frei geliefert.
- Die Materialien und fertigen Glaswaren sind zollfrei.
- Die Einfuhrverbote sollen streng gehandhabt werden.
- Die Pacht für die Glashütte beträgt 620 Taler.
Vor allem aber wollte der König Preußen von Glasimporten
aus dem habs-burgischen Böhmen freimachen. Termingerecht nahm
die Manufaktur 1737 in der Flachen Heide »an der Tietzoischen
Brücke« die Produktion auf und wurde als Weiße
Glashütte über die Grenzen Preußens hinaus berühmt.
Im Gegensatz zu anderen inländischen Hütten besaß
sie das Recht, Kristall- und Farbgläser sowie vergoldete Gläser
herzustellen.
1804 standen in der Zechliner Hütte neben einem Inspektor ein
Vizewachtmeister, ein Hafentöpfer, ein Schürer, ein Röhrenschmied,
12 Glasbläser, 8 Glaspfleger und 4 Glasschleifer in Lohn und
Brot (nach einem Bericht des Geheimen Rats Hermbstaedt).
Mit dem Jahr 1818 kam ein entscheidender Einschnitt. Die preußische
Handelsgesetzgebung erlaubte die Einfuhr ausländischer Glaserzeugnisse,
der Protektionismus fiel damit weg.
Weil nun unter dem Druck wachsender Konkurrenz nicht mehr rentabel
gearbeitet werden konnte, musste die Familie Stropp 1823 die Hütte
für rund 7500 Taler vom preußischen Staat kaufen, und
in deren Besitz verblieb sie noch bis 1868.
Die
zu Neige gehenden Brennstoffvorräte erzwangen 1866 die Einführung
der Torfgasfeuerung. Noch heute sind in einigen Feuchtgebieten der
näheren Umgebung die Torfstichparzellen gut zu erkennen und
etliche Kleingewässer verdanken, wenn auch ungewollt, ihre
Entstehung der Glasherstellung. Letztendlich konnte aber auch diese
Investition den Niedergang nicht mehr aufhalten.
1868 kaufte die in Berlin ansässige Firma Rohrbeck die Hütte
und stellte vor allem chemische Apparaturen her. Von 1878 bis 1884
ruhte die Produktion. 1885 erwarben die Gebrüder Behnfeldt
aus Kleinzerlang den traditionsrei-chen Betrieb und wagten 1889
einen letzten, erfolglosen Versuch, sich auf dem Markt zu behaupten.
Am 8. Mai 1890, nach 153 Jahren, kam das endgültige Aus.
Die Belange der Arbeiter und Anwohner der Zechliner Glashütte
auf kom-munalpolitischer Ebene wurden in Gemeindeversammlungen beraten.
Am 6. Oktober 1875 erhielt der Ort erstmals eine Gemeindevertretung.
Sie be-stand aus dem Gemeindevorsteher, den Schöffen und aus
drei gewählten Gemeinde Verordneten. Das Gesetz dafür
stammte allerdings vom 14. April 1856.
Von 1876 bis 1881 war das Dorf am Schlabornsee Schauplatz einer
land-schaftsverändernden Großinvestition. Natürliche
Fliessgewässer wurden zu schiffbaren Kanälen ausgebaut
und ins Wasserstraßennetz eingegliedert. Ent-sprechend hohe
Brückenkonstruktionen machten für die Straßenanbindung
beachtliche Erdarbeiten erforderlich. So mussten u.a. künstliche
Erddämme in Bachniederungen aufgeschüttet werden.
1881 wurde die kleine, im neogotischen Stil erbaute Kirche geweiht.
Am 1. Oktober 1884 erhielt Zechlinerhütte eine Postagentur.
Über vier Ge-nerationen wurde sie von der Familie Tesch betrieben.
1886, als der Niedergang der Glashütte kurz bevorstand, errichtete
Richard Seydack am jenseitigen Ufer eine Dampfschneidemühle
in der zu Beginn etwa 40 Arbeiter ...
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